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Breitbandziel 2018 – Interview mit dem Magazin IT-Director

Das Magazin IT-Director veröffentlichte am 18. August ein ausführliches Interview mit Sigurd Schuster, Projektleiter der Deutschen Breitbandinitiative (rechts im Bild) und Dr. Hermann Rodler, Präsidiumsmitglied der Initiative D21 (links im Bild). Thema ist der aktuelle Stand beim Breitbandausbau in Deutschland und die Förderung neuer Mobilfunktechnologien.

 

EINSATZ FÜR LOKALEN NETZAUSBAU

Von: Ina Schlücker

IT-DIRECTOR: Herr Rodler, gemäß der Breitbandstrategie der Bundesregierung sollen flächendeckend allen Haushalten in Deutschland bis 2018 Bandbreiten von 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen. Wie ist der momentane Stand bei diesem bundesweiten Breitbandausbau?

H. Rodler: Dank dem Zusammenspiel von Ländern, Kommunen und Wirtschaft konnte laut Bericht zum Breitbandatlas Ende 2013 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) bis Ende letzten Jahres gut 65 Prozent Zugriff auf einen Hochgeschwindigkeits-Breitbandanschluss (≥30 Megabit pro Sekunde) verschafft werden. Diese Zahl steigt kontinuierlich, aber das gut letzte Drittel stellt zunehmend eine Herausforderung dar. Hierbei geht es hauptsächlich um kleinere Ortschaften und den ländlichen Raum, wo die erforderlichen Investitionen je Breitbandanschluss relativ hoch sind. Die Bereitschaft der möglichen Anbieter, dort in schnelle Datenübertragung zu investieren, ist aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht flächendeckend gegeben. Wir reden hier – einer optimalen Mischung verfügbarer Technologien vorausgesetzt – über ein Investitionsvolumen von knapp 20 Milliarden Euro, wie eine aktuelle Studie des TÜV Rheinland berechnet hat.

IT-DIRECTOR: Wie schätzen Sie aktuell die Rolle der Politik – sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene – hinsichtlich des Breitbandausbaus ein? An welchen Stellen läuft es gut? Wo besteht dringender Handlungsbedarf?

H. Rodler: Die Politik hat die Bedeutung des Ausbaus im Festnetz und Mobilfunk erkannt, keine Frage. Der Koalitionsvertrag enthält die Breitbandziele, regulatorische und investitionsfördernde Maßnahmen sind beschlossen und es wird ein pragmatischer Technologiemix – DSL, (Fernseh-)Kabel, Glasfaser und LTE – gefördert, der den Ausbau im bereits erwähnten gut letzten Drittel erst finanzierbar macht. Derzeit sind alle Augen auch auf die demnächst anstehende Vergabe der 700 MHz-Frequenzen gerichtet – eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass LTE im ländlichen Raum seinen Beitrag zu den 50 Megabit pro Sekunde je Haushalt beisteuern kann. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die notwendigen gesetzgeberischen und verordnungstechnischen Maßnahmen umgesetzt werden können.

IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert nehmen im Rahmen des Netzausbaus die modernen Mobilfunk-Technologien LTE sowie Voice over LTE ein?

H. Rodler: Long-Term-Evolution (LTE) ist der Fachbegriff für die Technologie der vierten Mobilfunkgeneration (nach UMTS als dritter und GSM als zweiter Generation) und ermöglicht mobiles Breitband, ganz besonders für Datendienste aller Art. Voice over LTE, VoLTE, bezeichnet die Übertragung von Sprache in Form von Datenpaketen über ein LTE-Netz, ähnlich wie bei Voice over IP die Sprache in Form von Datenpaketen über Festnetz-Datenleitungen übertragen wird. LTE spielt eine entscheidende Rolle für das Erreichen der Breitbandziele der Bundesregierung, da es über die Kombination verschiedener Frequenzbänder – die Fachleute sprechen von Carrier Aggregation – erlaubt, 50 Megabit pro Sekunde kosteneffizient in ländliche Regionen zu bringen. Der Funk überbrückt Entfernungen von mehreren Kilometern, was im Vergleich zur Installation von Glasfaserkabeln Kosten in Höhe mehrerer Milliarden einspart. Dann ist es kein Problem, Sprache über VoLTE bereitzustellen, weil diese Lösungen heute schon verfügbar sind. Übrigens: Mit hoch qualifiziertem Personal im Bereich von Forschung und Entwicklung hat Nokia in Deutschland diese Möglichkeiten maßgeblich mit aus der Taufe gehoben, etwa im LTE-Entwicklungszentrum in Ulm oder im Forschungszentrum in München.

IT-DIRECTOR: Herr Schuster, wie können Anwenderunternehmen, deren Standorte noch nicht von den Vorzügen des Breitbandausbaus profitieren können, dennoch für stabile und schnelle Netzverbindungen sorgen?

S. Schuster: Der flächendeckende Breitbandausbau in ländlichen Gebieten wird natürlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Unternehmen können jedoch durch Eigeninitiative und im Initiativverbund mit ihren Gemeinden und anderen Unternehmen auch dank der vorhandenen Fördermöglichkeiten viel erreichen. Als Beispiel kann ich das mit rund 1,5 Milliarden Euro dotierte neue Breitbandförderprogramm in Bayern anführen. Auch generell gesprochen gibt es zahlreiche Fälle erfolgreicher lokaler oder regionaler Initiativen. Als Informationsdrehscheibe fungiert hier auch das Breitbandbüro des Bundes.

IT-DIRECTOR: Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmensverantwortliche, die vor dem Hintergrund solch weißer Flecken flexible Home-Office-Arbeitsplätze etablieren sollen (… sie können ihren Mitarbeitern z.B. kaum verbieten, aufs Land zu ziehen)?

S. Schuster: Das ist ein gutes Beispiel, welches zeigt, wie wichtig die Investitionen in eine leistungsfähige Breitbandinfrastruktur in unserer modernen Arbeitswelt mit virtueller und flexibler Zusammenarbeit sind. Die Unternehmen und Gemeinden tun daher gut daran, Initiative zu zeigen und sich – unterstützt durch die regionale Wirtschaftsförderung – für den lokalen Breitbandausbau einzusetzen. Dies trägt entscheidend dazu bei, ihre Standorte für heutige und zukünftige Bürger attraktiv zu halten. Einerseits ist Eigeninitiative gefragt. Andererseits trägt aber auch die Deutsche Breitbandinitiative dazu bei, dank Austausch- und Netzwerkmöglichkeiten möglichst viele Interessengruppen zusammenzubringen, die gemeinsam aktiv werden können.

IT-DIRECTOR: Und wie können dabei stark netzabhängige Technologien wie Unified Communications oder Virtual Desktop Infrastructure (VDI) erfolgreich eingebunden werden?

S. Schuster: Diese modernen Applikationen setzen eine breitbandige Infrastruktur voraus. Vor allem in ländlichen Regionen unterstreicht dies den erforderlichen Breitbandausbau, um etwa vom häuslichen Arbeitsplatz aus auf solche Anwendungen zurückgreifen zu können.

IT-DIRECTOR: Aufgrund der aktuellen Trends hin zur mobilen Arbeitsweise, zum Internet of Things oder zur Industrie 4.0 werden Privathaushalte wie auch Unternehmen immer leistungsfähigere Netze benötigen, um die Daten schnell von A nach B zu senden. Inwieweit trägt die derzeitige Breitbandstrategie diesen Entwicklungen bereits Rechnung?

S. Schuster: Wir sind in Deutschland auf dem richtigen Weg, das für 2018 gesteckte Breitbandziel zu erreichen – und müssen uns hier im EU-Vergleich keineswegs verstecken. Aus Brüssel werden für das Jahr 2020 flächendeckend 30 Megabit pro Sekunde geplant. Der Breitbandausbau in Deutschland im Technologie-Mix dient hier als Wegbereiter: Erstens bekommt man über den Einsatz von LTE für den ländlichen Raum quasi automatisch auch eine nahezu flächendeckende Versorgung unseres Landes mit breitbandigem Mobilfunk. Zweitens schaffen wir uns, besonders durch den Einsatz von Glasfasern, eine Basis für die zukünftige technologische Weiterentwicklung, da der für das Jahr 2018 gesetzte Meilenstein von 50 Megabit pro Sekunde für alle Haushalte nur als Zwischenziel verstanden werden kann. Perspektivisch müssen Investitionen in Telekommunikationsinfrastruktur höhere Bandbreiten sowie kürzere Latenzzeiten möglich machen. Die Förderung neuer Technologien wie 5G ist demnach auch ein essenzieller Baustein, um unsere Telekommunikationsinfrastruktur zukunftssicher halten zu können.

IT-DIRECTOR: Wie lautet Ihre Einschätzung: Kann der geplante Netzausbau diese zukünftig exorbitante Datenlast locker stemmen? Oder werden die Infrastrukturen über kurz oder lang darunter zusammenbrechen?

S. Schuster: Ein Zusammenbruch ist sicher nicht zu erwarten. Insgesamt ist heute eine zufriedenstellende Netzqualität und -stabilität gegeben, allerdings kann es bei unerwartet hoher Datenlast zu kurzzeitigen Überlastungen der Netze kommen. So etwas gab es schon in der Vergangenheit, und wenn man ehrlich ist, kann man es auch in Zukunft nicht ausschließen. Allerdings kann man etwas dagegen tun: Investitionen in die Netzkapazität. Telekommunikationsausrüster wie Nokia arbeiten etwa bereits an 5G oder dem Einsatz von Cloud-Technologien und künstlicher Intelligenz in Breitbandnetzen, damit für Privatanwender, professionelle Nutzer und im Internet der Dinge auch für Maschinen eine Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung steht, die anwendungsspezifisch die jeweiligen Anforderungen wirklich maßgeschneidert bedient – sicher und zuverlässig, wann und wo auch immer erforderlich.

IT-Director

 

 

Wir empfehlen Ihnen ebenfalls die Lektüre des begleitenden Hintergrundartikels:  „Licht und Schatten beim Netzausbau, Breitbandversorgung in Deutschland” von Ina Schlücker.